Tipps & Tricks – Zahlen, Daten, Fakten oder die Sache mit der Erfahrung
// August 30th, 2009 // No Comments » // Fotografieren, Modeln, Tipps & Tricks
Ich darf mir gratulieren. Wenn auch nicht auf den Punkt genau, denn ich habe ein mieses Zahlengedächtnis, aber so circa vor einem Jahr muss es gewesen sein. Vor etwa einem Jahr habe ich ernsthaft mit dem Fotografieren begonnen. 2007 und Anfang 2008 gab’s zwar auch ab und an Fotos, bei denen ich hinter der Kamera stand, und sogar ein paar Veröffentlichungen und Ausstellung, die aber nichts mit Modelfotografie zu tun hatten (Reise- und Architektur fand ich zunächst spannender). Die Entscheidung, richtig loszulegen, fiel daher eigentlich erst im Sommer 2008.
Eigentlich begehe ich mit meiner öffentlichen Gratulation an mich selbst einen Grundlagenfehler. Ich wusste es schon immer, seit dem Matheunterricht in der Schule: Zahlen sind zu vermeiden. Man sollte nie über Zeit und Alter sprechen, wenn man etwas mit Fotos zu tun hat. Als Fotograf nicht, und als Model, nun ja, sollte man es vermeiden. Denn egal wie alt oder wie lang – schlecht ist es immer.
„Ich fotografiere eigentlich schon immer“, „Hallo, ich bin der Kalle, Jahrgang 1953, meine erste Kamera habe ich mit 8 Jahren bekommen“, „Schon seit 15 Jahren betreibe ich ein Fotostudio und eine Werbeagentur“… Wer kennt solche Sedcardtexte nicht? Und wer kennt nicht die Reaktion darauf, denn allzu oft denkt man sich: Was, der Typ fotografiert schon so lange und hat immer noch keine besseren Bilder zu präsentieren? Solange man sich nicht rein in der künstlerischen Fotografie bewegt, wo es mehr um Geschmack und Aussage geht, bewerten die Betrachter gerne ähnlich anderen Lernbereichen: Wer nach der ersten Woche Englischunterricht schon ein paar Sätze sprechen kann, gilt als begabt, wer aber nach fünf Jahren Unterricht einer Alltagsunterhaltung nicht folgen kann, als untalentiert. Ob man in den fünf Jahren nur sehr sporadisch am Unterricht teilgenommen hat und einen schlechten Lehrer hatte oder in der einen Woche Intensivunterricht von morgens bis abends genießen durfte, interessiert zunächst niemanden.
„Ich fotografiere seit einigen Monaten“ – auch das ist nicht gut. Denn selbst wenn jemand nach kurzer Zeit schon schöne Bilder präsentieren kann, vermutet der Betrachter oft einen Haken: Vielleicht waren das nur Zufallstreffer? Oder die Bilder sind nur unter Anleitung guter Fotografen entstanden. So hört man vielleicht bald lustige Gerüchte über sich – ich habe zum Beispiel erfahren, “dass ich meine Bilder niemals selber bearbeite”.
Aber als Fotograf hat man es ja verhältnismässig einfach und muss gar nicht erwähnen, wie lange man schon fotografiert. Als Model kann man seine Zeit vor der Kamera ebenfalls verschweigen und mit ein paar guten Fotos auf der Sedcard wirkt es schon so, als hätte die Dame jede Menge Erfahrung. Anders ist es mit dem Alter des Models, das i.d.R. nicht völlig unter den Tisch gekehrt werden kann. Auch hier kann man es niemandem recht machen:
Zu junge Modelle um die 18 lehnen manche Fotografen ab: Die sind oft zu unzuverlässig für langfristige Planungen und wissen noch nicht wirklich, was sie wollen – zum Shootingtermin in zwei Wochen vielleicht doch lieber für die Klassenarbeit lernen? Oder bei gutem Wetter doch eher zum Badesee? Oder vielleicht hat das Mädel bis dahin einen neuen Freund, der mit dem Modeln nicht einverstanden ist und lässt es dann ganz bleiben? Abgesehen von Unzuverlässigkeit steht kindisches Verhalten noch ganz oben auf der Liste der Jugend-Faux-Pas: Wenn ein Model etwa bei der Anweisung, verträumt zu schauen, nur noch rumgackert und währenddessen die Golden Hour ins Land zieht, kann das echt ärgerlich sein. Besonders bristant wird es bei Unter-18-Jährigen: Schon die Anweisung, die BH-Träger verschwinden zu lassen, traut sich mancher Fotgraf nicht aus Angst vor späterem Ärger.
Zu alt ist relativ – einerseits, weil manche 20jährige schon die Ausstrahlung einer 40jährigen hat, manche 35jährige aber auch als 25jährig durchgehen könnte, andererseits, weil je nach Thema andere optische Aspekte wichtig werden. Aber es gibt Richtwerte und um die 30 wird es besonders für Newcomer sehr schwierig. Wenn man als Model dann noch eine (größere) Familie hat, kann das zu weiteren Vorurteilen auf Seiten des Fotografen führen: Man unterstellt leicht Unzuverlässigkeit und Zeitdruck – was, wenn ein Kind krank wird? Wieviel Zeit bleibt zwischen Kindergartenabholung, Mittagessenkochen und Windelnwechseln noch für die eigene Pflege und im speziellen für das angesetzte Shooting?
Den Modellen würde ich daher raten, ihr Alter nicht total offensichtlich zu gestalten. Es irgendwo zu verraten ist oft unvermeidbar, aber direkt als Künstlername, etwa in Form von Susi1985, birgt – früher oder später – mehr Risiken als Benefits. Auch Familienaspekte würde ich nicht sofort preisgeben. Gegen ein „ich bin in einer glücklichen Beziehung“, das in einen kleinen „über mich“-Text eingebunden erscheint, ist nichts einzuwenden. Meistens ist das wohl Selbstschutz, mit dem das Model klarmachen möchte, dass es nicht auf der Suche nach einem neuen Lover ist.
Manche Fotografen nennen ihr Alter. An sich ist das unnötig – wenn ich als Model lese, dass ein toller Fotograf 18 oder 88 ist, würde mich das beides nicht abhalten. Etwas unnötig ist es, wenn ein Fotograf sich gleich einem Singlebörsentext vorstellt: „Hi, ich bin 25 und spiele in meiner Freizeit Fussball und Basketball und fotografiere auch ein wenig.“ Ein „Ich bin 45, glücklich verheiratet und Vater von 3 Kindern“ suggeriert, dass der Betreffende nicht darauf aus ist, mit einem Model anzubändeln – daher okay.
So, nun habe ich mein Sektglas zum Einjährigen auch schon geleert und stürze mich ins zweite Jahr und überlege, ob ich euch demnächst mal ein paar Erstlingswerke antue…







