Finissage “Fairy Ground” und “Jenseits technischer Reproduzierbarkeit – Ästhetizismus und Fotografie”
// September 11th, 2009 // 2 Comments » // Kunst
Einladung zur Finissage an alle in und um Bielefeld oder die soweit fahren wollen: Bis Samstagabend, ca. 22 Uhr, hängen in der Galerie Gruppe 10 noch meine Bilder unter dem Ausstellungstitel “Fairy Ground”:

Für alle, die außerdem nicht bei der Vernissage im Juli (Danke nochmal für die tolle Veranstaltung an Sonja Abidi und Alexandra Günter!) dabei sein konnten, möchte ich mit bestem Dank an Dr. Torsten Voß von der Universität Bielefeld an dieser Stelle noch einmal seine schöne Rede zum Nachlesen zur Verfügung stellen:
„Jenseits technischer Reproduzierbarkeit. Ästhetizismus und Fotografie
Einführende Bemerkungen zur Vernissage von Jamari Lior”
in der GALERIE GRUPPE 10 (Dr. Torsten Voß, Universität Bielefeld, 27. Juli 2009)
Mein Titel bezieht sich – wenig originell – auf eine Definition Walter Benjamins gegenüber der Fotografie. Aufgrund der Wiederholbarkeit des Bildes durch die technische Apparatur sieht dieser darin den unaufhaltsamen und unbarmherzigen Verlust der Aura des Kunstwerks garantiert. Dadurch wirft er dem Medium implizit vor, Secondhand-Art zu sein, reine Mimesis, tja: Fotokopie! zu betreiben, so in seinem Aufsatz Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Die Fotografie weist demnach nichts Originales auf. Sie ist nicht Produkt der Einbildungskraft des Künstlers, sondern etwas Sekundar-Hinzugekommenes, welches seinen Gestand stets in der nach geordneten Sphäre des Zusätzlichen verankert.Walter Benjamin rechtfertigt diese Entwicklung der Kunst mit dem Zusammenhang von technischer Revolution, Massendynamik und antimetaphysischen Tendenzen einer entzauberten Moderne geschichtsphilosophisch und fortschrittsoptimistisch Dennoch scheint er es – vor seiner materialistischen Wende hielt Benjamin an einem stark mystisch-esoterischen Kunstbegriff fest, der sich stark an einer romantischen Kunstauffassung orientiert – heftig zu bedauern, dass die Einmaligkeit des Kunstwerks durch seine technische Abbildbarkeit, durch die Inhaftierung auch privatester Begebenheiten und Eindrücke in mediale Gefängnisse, verloren geht. Auch privates Gluck oder Unglück kann ja durch das Medium niemals in seiner Eindringlichkeit und Unmittelbarkeit – denn diese setzt die Erfahrung des primären voraus – reanimiert werden. Das Gesehene wiederholt sich medial, aber nicht die Erfahrung. Diese lässt sich nicht fotokopieren. Aber auch für die Ästhetik gilt: Kunst teilt sicht mehr in einer Sprache der Eigentlichkeit mit. Sie ist zugeschaltet. Diesem medial spezifischen Zwang scheint sich auch das künstlerische Werk Jamari Liors radikal und mutig zu verweigern und dafür genau die medialen Werkzeuge der Bannung und der Reproduktion geschickt zu instrumentalisieren und damit zugleich auch zu demontieren. Wodurch wird das gewährleistet?
Entscheidend ist meines Erachtens dabei folgendes: Hervorheben durch eine gestaltende Sichtweise ist eine wesentliche Aufgabe der ästhetisch avancierten Photographin, die nicht einfach Reproduktion betreibt, sondern Szenen bzw. Geschichten inszeniert und dadurch dem Medium Bild seine Simultanität, seine Momenthaftigkeit, nimmt. Letzteres ist jedenfalls nach der Text-Bild-Unterscheidung des Kunsthistorikers Max Imdahl das typische Kennzeichen von Bildern. Texte dagegen definieren sich über Sukzessivität und Prozessualität, sowohl im Bereich ihrer Produktion, als auch innerhalb ihrer Wahrnehmung durch den Leser. Lesen bedeutet daher immer Ablauf und Geschehen. Diese Dichotomie wird nun von Jamari Lior aufgehoben. Zum einen verhindert die fast schon manieristische Detailvielheit ihrer Arbeiten, Motive und Gegenstande in sich schon eine simultane Wahrnehmung ihrer Bilder. Dort geschieht so viel, dass wir sie nur sukzessiv, also als ein Geschehen, dass sich vollzieht, wahrnehmen können. Obgleich und notwendigerweise mit einem Klick aufgenommen, sind diese Bilder keine Klicks! Und das hangt nun wirklich nicht mit technischer Nachbereitung zusammen. Es ist in der Bildstruktur selbst angelegt und in der Art und Weise, was vor, während und nach dem klick vollzogen wird. Ein Ablauf! Hier passt ein Fotografie-Verständnis im Sinne des französischen Semiologen Roland Barthes besser als der Rigorismus Walter Benjamins. In seinen autobiographischen Aufzeichnungen Die helle Kammer formuliert er: Ich habe eine Krankheit. Ich sehe die Sprache. Was sich sonst – wie unsere Stimme – phantomatisch in der Luft auflost, wird durch das Bild festgehalten. Das bedeutet selbstverständlich nicht ein Ab-Fotografieren von Buchstaben und Sätzen, sondern den kreativen Akt der Schrifterzeugung, die durch Bilder garantierte Erzeugung von Schreibfluss, von Geschichte in der Manier einer transposition d’art. Dieser Begriff klingt schmeichelhafter und eleganter als die viel strapazierte Intermedialität oder gar Medientransfer, der an der Essenz des hier Gezeigten und des hier Geschehenden ohnehin vorbeirauscht. Roland Barthes Eindruck gegenüber der Bildbetrachtung bedeutet für unsere Wahrnehmung von Jamari Liors Arbeiten: Wir arbeiten uns an dem Bildgeschehen bei Jamari Lior ab und dies erfordert Aufmerksamkeit, Detailverliebtheit und damit: Zeit; aufgrund des Aufwands ihrer Bildgestaltung. Diese ist nicht, sondern sie setzt sich zusammen. Die Künstlerin wird quasi zur Erforscherin, Entdeckerin und Erbauerein ihrer Umwelt. Mythologie, Archäologie, Ethnologie und Narratologie vereinigen sich in dieser Suche nach den poetischen Bildern. Photographischer und poetischer Blick gehen hier eine Verzahnung ein und bewirken eine kreativ gestaltende Wahrnehmung der Umwelt, machen es möglich den Moment und das vielleicht nur einmal in dieser Art Gesehene festzuhalten, in eine Art von Geschehen simulativ einzubinden und der Allmacht des „Fugitive”, des Flüchtigen zu entziehen, welches ansonsten ja charakteristisch ist für das Vorübergehen an den Dingen und das Übersehen der Dinge, auch durch einen Großteil der Fotografie.
Fernab von Zweckhaftigkeit und Pragmatismus, nur in sich selber referent oder auf die großen Mythen, Erzählungen und auch einfach Sehnsüchte verweisend, sind diese Motive, Figuren und letztendlich auch Geschichten angelegt. Diese Wahrnehmung, nach wir uns in der Flüchtigkeit des Momentanen, in dem furchtbaren Vermeiden von Geschichten in unserer alltäglichen Wahrnehmung doch immer wieder so sehr sehnen, gilt es immer wieder zu suchen in der Kunst Jamaris. Bei ihr bleibt es nicht bei der Wahrnehmung. Die Langsamkeit von Betrachten, Arrangieren und zeitgleichen Erzahlen zieht unweigerlich die Reflexion mit sich, was diese Kunst in ihrem Entstehen, aber auch in ihrer Betrachtung vom Momentanismus der herkömmlichen photographischen Aufnahme differenziert. Und mehr noch: Die Künstlerin selbst schafft die mystischen, mythologischen, märchenhaften und erotischen Ereignisse und bedarf keines metaphysischen oder transzendenten Überbaus, nur ihre eigene Phantasie als Voraussetzung für das Arrangement ihrer Bildtexte. Denn diese ist sowohl für das Märchen als auch für den – auch diesen Bildern sich artikulierenden – Eros die notwendige Voraussetzung, da sowohl Märchen als auch Eros in unserer Wahrnehmung und unserem Empfinden über das Reale hinausgehen (müssen). So geht es auch in den Fotografien Jamaris nicht um Faktizität, sondern um das Entstehen von Erzahlungen durch den spezifischen Blick und die Arrangements der Künstlerin. Fazit: Ja-lees Fotografie betreibt keine Mimesis. Sie bewirkt keine Auslöschung der Aura durch den Prozess der technischen Reproduzierbarkeit. Vielmehr sind sie Dokumente eines expliziten Kunst-Wollens. Keine Schnapp-Schusse, aber auch keine neo-surrealistischen Blitzlichter, sondern viel eher die dramatische Klimax eines langen und komplexen vorherigen Entstehungsprozesses, der in der eigentlichen Aufnahme nur seinen Höhepunkt, jedoch nicht seinen Abschluss findet. Denn zugleich sind sie auch der Teil irgendeiner Geschichte, an welcher der Betrachter als eine Art Co-Autor mitarbeiten kann. Denn wir Betrachter arbeiten uns ja am Bildgeschehen ab und lassen zum Beispiel das Märchen wahrend unserer Wahrnehmung und noch darüber hinaus mit all seinen Figuren weiterlaufen. Deshalb sind die Aufnahmen Jamari Liors Bestandteile von Sukzessivität, Performativität und Vollzug und nicht einfach nur technisch festgehaltene und damit entzauberte Momente.
Hier wird nicht reproduziert, sondern geschaffen! Sie steht in der Tradition dessen, was der Fotografie-Theoretiker Bernd Stiegler einmal so treffend als eine pikturalistische Fotografie bezeichnet hat. Starker als auf das Medium beziehen sich ihre Arbeiten auf das Bild, eine Differenz, die auch der Kunsthistoriker Hans Belting in seiner Bild-Anthropologie immer stark vertreten und gegenüber den rein technischen Voraussetzungen und Gegebenheiten von Kunst ausgespielt hat. Wir sehen, wie viel in diese Konzeptionen einfließt: inszenatorisch, materiell und gedanklich-ideell. Wir sehen und damit auch lesen aber ebenso die Geschichten, die jenseits der jeweiligen Bilder sind, deren Bestandteile sie aber wiederum sind und von denen sie synchron partizipieren. Schrift und Geschehen sind hier sichtbar geworden. Eine in Tagträumen versunkene Fee steht allegorisch ebenso für diesen Arbeits- und Rezeptionsprozess ein, wie ein modernes Dornröschen, welches (vielleicht) immer noch (unter Umstanden vergeblich, wie im richtigen Leben) sehr lange auf ihren Erlöser und Traumprinzen wartet und somit ebenfalls nicht in einem Moment, sondern in der Dauer zu Hause ist und diese kann durch diese Arbeiten „gelesen” werden, die sich dadurch auch gegen ihr eigenes Medium auflehnen.
Also, meine Damen und Herren: Lehnen sie sich auf: Sehen und lesen Sie heute anlässlich dieser Vernissage. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!









