“It could be VOGUE…”
// Juni 22nd, 2010 // Fotografieren, Modeln
Es ist eine der teureren Zeitschriften am Kiosk und überhaupt, sie am Kiosk zu kaufen ist schon fast profan. Mit ihr unter dem Arm fühlt man sich mondän, elegant und gehoben, als hätte man sie auf dem Flughafen oder zumindest im internationale Presse-Laden eines großen Bahnhofs erworben. Aber es gibt noch ein weitaus erhebenderes Gefühl, als mit der Vogue lässig in eine Damenhandtasche, von der der Unkundige hoffentlich annehmen mag, sie war so teuer wie eines der zahlreichen „Sex and the City“-Accessoires, und den Fast-Manolos an den Füßen durch die Straße zu spazieren: In der Vogue zu sein. Oder zumindest so tun als ob.
Genau das ist der Stil, den die Modelle heute nachfragen, zumindest jene, die von Figur und Gesicht noch eine entfernte Ähnlichkeit mit dem typischen Vogue-Modellen haben. Der Fotograf blättert die Zeitschrift durch und sucht sich jene Bildstrecken aus, die keinen Palast als Location erfordern und kein 500-Dollar-Styling, und alle Beteiligten hoffen, dass vogue-ähnliche Bilder auch mit dem H&M-Kleid funktionieren mögen. Im Notfall gibt es zwei Rettungsmöglichkeiten: Mach das Bild schwarz-weiß und lege Text darüber. Am besten etwas auf Französisch mit vielen accent aigu und accent grave, damit es auch der Unkundige mitbekommt, dass nicht „Eleganz“, sondern „élégance“ gemeint ist. „Nummer sicher“ wäre, einfach den Text aus einer veralteten Vogue-Ausgabe abzuschreiben – die wissen sicher schon, was sie zu sagen haben. Und eigentlich wird es auch keiner lesen – das Textelement dient nur als Verschönerung gleich einem Schnörkel und als Qualitätsmerkmal wie ein Stempel.
Doch welches Foto hat einen solchen Qualitätsstempel verdient? Erstaunliches tut sich auf: Denn viele jener Bilder wirken wie Schnappschüsse aus der Hüfte. Man sieht Bilder mit starken Überbelichtungen, Verwacklungen, Bildausschnitte, die Finger abschneiden oder Füsse und dicke Schlagschatten. Auch auf Seite der Modelle findet man Nachlässigkeiten: Sie stehen wie gelangweilt gegen Wände gelehnt, schauen unwillig in die Kamera, ziehen die Schultern nach vorne – wer freundliches Lächeln und „Bauch-rein, Brust-raus“ erwartet, wird erstaunt sein. Manche der Posen treiben das Relaxt-Gelangweilte noch auf die Spitze, so dass in der Entspannung wieder Spannung entsteht: Extreme Verrenkungen, krasse Rundrücken, krank wirkende Posen passend zu den Gerippen, die sie präsentieren.
Warum konnte dieser Stil erfolgreich werden? Würde man bei einem Urlaubsknipsbild oder einem Privatkundenshooting so ein Bild abliefern – eine Frau lehnt mit den Schultern gegen eine Wand, die Beine weiter vorne auf den Boden, Blick mit leicht zusammengezogenen Augenbrauen und vorgeschobenem Kinn unwirsch in die Kamera, dicker Schlagschatten, Kopf und Hand angeschnitten – gäb es vermutlich eher enttäuschte Blicke als Lob. Doch genau darin liegt die Ursache für den Vogue-Stil: Dieser Stil soll das Model nicht „nett“, „sympathisch“ oder „hübsch“ aussehen lassen, sondern sich von genau dem abheben. „Eure Regeln von Symmetrie, Schönheit und Stil haben wir nicht nötig“ kommuniziert der Vogue-Stil. Der Fotograf schert sich nicht um die Regeln des Hobbyknipsers, und das Model braucht sich nicht die Mühe geben, sich anständig hinzustellen. In der Vogue oder in den aufwändigeren Produktionen anderer Fotografen wirkt das Model nicht selten, als wenn sie zufällig in einem skurrilen Designerkostüm – völlig untragbar im Alltag versteht sich – gelandet sei, fast wie eine leicht trotzige und selbstbewusste Prinzessin. Günstigere Produktionen wählen oft einfache Outfits wie Leggins und T-Shirt, dazu hat das Model noch Balloons in der Hand, eine Katzenohrenhaarreifen auf dem Kopf oder weit ausladenden Tüll auf den Schultern – Accessoires, die das Outfit „unnormal“ wirken lassen, die klar kommunizieren „das ist eben kein anspruchsloser Schnappschuss“, Accessoires, die manchmal sogar etwas psycho wirken wie kleine Spleens oder Überreste einer Champagnerparty am Vorabend. Als Hintergrund dient dann z.B. eine Betonwand, eine Steingrube, ein Hafengelände oder eine Studioleinwand. Locations, die kühl und ungemütlich wirken, verstärken noch den Kontrast zur Schnappschussidylle.
Auch das Make-Up ignoriert Übliches: Die Betonung der Lippen oder der Augen sind in vielen Kulturen typische Schminkstile, vielleicht sogar mit biologischer Verankerung um den männlichen Gegenüber zu suggerieren, dass die Dame jung und gesund ist. Nun sind es die Augenbrauen, die plötzlich dick und blockartig geschminkt werden, die Haut wirkt porzellanig, fast schon zerbrechlich, die Haare wild toupiert. Rouge und Lippenstift bedienen sich oft ungewohnten Farben und Formen.
Diese Optik ist eine neue Art der Arroganz, nicht mehr das Aufrechte, Formelle ist arrogant, denn das kann jeder normal Berufstätige. Arrogant und überlegen wird das Gegenteil. Damit das funktioniert, damit das Bild erkannt wird als Vogue-Stil und nicht als schlechte Aufnahme disqualifiziert wird, braucht es Extreme, krassere, kranke Posen, skurrile Accessoires, grandios opulente oder sehr ungemütliche oder kalte Locations. Das Model kommuniziert seine Überlegenheit gegenüber all den Schnappschuss-Fotografien, aber auch gegenüber all denen, die es nötig haben, sich extra in Pose zu schmeißen, extra nett von billigen Zeitschriften wie der TV-Spielfilm zu lächeln, es ist auch überlegen gegenüber allem Pomp und Chic, der ihm geboten wird, es interessiert sie nicht, ob in einem Schloss oder auf einem Schrottplatz geshootet wird, und auch nicht, ob der typische Normal-Mann sie als attraktives, sympathisches, gesundes und letztlich fortpflanzungsfähiges Geschöpf wahrnimmt. Ein Forum zur Dokumentation dieses Nicht-Interesses bieten zahlreiche Communities im Internet – und da wird es dann sehr interessant, wer es am besten kann. Längst geht es nicht mehr darum, wer es wirklich zu einem guten Job geschafft hat – viele würden auch zahlen, um in der Vogue veröffentlichen zu dürfen, Status hat Kommerz längst abgelöst. Und so lange man nicht in der Vogue ist, kann man zumindest so tun als ob: kranke Pose, Leggins, T-Shirt und Luftballons, arrogant-gelangweilter Blick, Textelement und Schwarz-Weiß …
… und ja, Vogue-Stil gefällt mir gelegentlich und ist ein verhältnismäßig schneller Bearbeitungsstil, der auch nicht so berauschende Bilder retten kann ![]()
(wofür die nachfolgenden Bilder selbstverständlich keine Beispiele sein sollen

modelle: ophelia’s overdose, sarah-joelle, jenny, eva, filiz I styling: opehlia’s overdose, sayuri, angel I bea: jamari, imre fejes I support: eddy art, oliver meyer



















schicke bilder!
intelligent gebrüllt! gefällt mir
bist aber auch eh auf meiner “watchlist” mit dem blog und deiner mk-sedcard.
LG
das is ja mal nen geiler bericht
Gut skizziert, was aktuell bildstilistisch so abgeht – und sicherlich sollten wir uns alle einmal fragen, wie sehr wir damit noch etwas Spannendes schaffen… Kann ein Vogue-Stil, einmal im Mainstream angekommen, eigentlich noch seinen avantgardistischen Anspruch erfüllen?
Danke für Deinen Denkanstoß!
wieder einmal hast du mir aus der seele gesprochen
und so elegant formuliert, dass es ganz neutral und gut beobachtend rüber kommt…
lgt